Sol Invictus - die unbesiegbare Sonne
Das römische Kaiserreich basierte bezüglich seines Hauptgottes auf Jupiter. Das Kapitol in Rom war Ausdruck und Symbol für das Herrschaftsprinzip Jupiters.
In der hier verwendeten Rekonstruktion lässt sich die spätantike römische Kaiserideologie als Verbindung des römischen Herrschaftsprinzips mit einer solaren Form kosmischer Legitimation betrachten, wie sie in anderer Form bereits aus Ägypten bekannt war. Einen zentralen Ausdruck fand dieses solare Herrschaftsprinzip im Kult des Sol Invictus, den Kaiser Aurelian im Jahre 274 n. Chr. zu einem zentralen staatlichen Sonnenkult des Römischen Reiches erhob.
In der ägyptischen Solar-Theokratie war Re das höchste solare Prinzip von Leben, Ordnung und Wiederkehr und wird in der hier verwendeten Systematik als Sonnengott bezeichnet. Auch in Ägypten konnten Gottheiten mit Re verbunden werden: so zum Beispiel Amun in der Verbindung Amun-Re, um eine besondere solare und universale Stellung zum Ausdruck zu bringen.
Eine besondere Verbindung zum solaren Prinzip findet sich auch bei der Gottheit Mithras. Im Mithraskult stand Mithras als „Deus Sol Invictus Mithras“ in enger Verbindung mit Sol. Zugleich war der Mithraskult in eine kosmische Ordnung eingebettet, zu der die sieben Planetensphären und damit auch Jupiter gehörten.
Ein bedeutendes Symbol der ägyptischen Sonnenreligion und des Sonnengottes Re war der Obelisk. Dieser repräsentierte die kosmische Legitimation des Herrschers und konnte als versteinerter bzw. vertikaler Sonnenstrahl verstanden werden. Die Römer brachten zahlreiche dieser Obelisken aus Ägypten nach Rom.
Am 7. März 321 n. Chr. wurde unter Kaiser Konstantin der Sonntag als Ruhetag eingeführt. Im Gesetz wurde dieser als „verehrungswürdiger Tag der Sonne“ bezeichnet. Sol Invictus bedeutet wörtlich: „die unbesiegbare Sonne“.
In der hier verwendeten gnostischen Lesart treffen damit zwei Herrschaftssymbole aufeinander: Das Kapitol steht für Jupiter und das römische Herrschaftsprinzip; der Obelisk steht für Re und die solare kosmische Legitimation.
Diese Symbolik findet sich später auch im christlichen Rom wieder. Besonders sichtbar wird dies durch den ägyptischen Obelisken auf dem Petersplatz im Vatikan. In der hier verwendeten Lesart bildet dies die sakrale, also geistige Ebene des kosmischen Herrschaftsanspruchs.
In dieser gnostisch-systematischen Betrachtung gibt es auch noch eine säkulare Ebene bzw. Spiegelung, welche die gleichen baulichen Merkmale aufweist.
Glossar & Systematik der kosmo-politischen Begriffe
- Re (Ägypten): Ur-Quelle der solaren Theokratie und höchstes solares Prinzip.
- Sonnengott: Bezeichnung für Re in der hier verwendeten Systematik; nicht mit Helios oder Apollon gleichzusetzen.
- Sol Invictus: „Die unbesiegbare Sonne“; in der hier verwendeten Rekonstruktion Verbindung der solaren Herrschaftsidee mit der römischen Kaiserideologie. Sinngemäße Kurzform des Modells: Jupiter-Prinzip + Re-Prinzip → Sol Invictus. „Jupiter-Re“ ist dabei kein historischer Göttername, sondern eine funktionale Bezeichnung innerhalb dieser Systematik.
- Jupiter (Zeus): Oberste Gottheit der Römer und Symbol des römischen Herrschaftsprinzips.
- YHWH / Saturn (Kronos): In der hier verwendeten gnostischen Lesart oberste Instanz der planetaren Ordnung und Schöpfer der materiellen Welt.
- Archonten: Kosmische Herrscher bzw. planetare Mächte innerhalb der hier verwendeten gnostischen Ordnung.
- Mithras: Gottheit eines römischen Mysterienkultes; eng mit Sol verbunden und in eine kosmische Ordnung der sieben Planetensphären eingebettet.
- Obelisk: Ägyptisches Sonnensymbol; steinerner Sonnenstrahl und in der hier verwendeten Lesart Symbol der solaren kosmischen Legitimation des Herrschers.
- Kapitol: Religiöses und politisches Zentrum des antiken Rom mit dem wichtigsten Jupiter-Tempel; Symbol des römischen Herrschaftsprinzips.
- Mithraskult: Ausschließlich Männern zugänglicher römischer Mysterienkult um Mithras mit solarer und planetarer Kosmologie.
- Zusatz „Re“: Eine Gottheit wird mit Re verbunden und erhält dadurch dessen solare Eigenschaften und universale Bedeutung, beispielsweise Amun-Re.
- Ma'at: Bezeichnet die kosmische Ordnung, Wahrheit, Gerechtigkeit und richtige Ordnung der Welt.
- Isfet: Ägyptische Bezeichnung für Unordnung, Unrecht, Chaos und Gewalt; Gegenprinzip zu Ma'at.
Die Ableitung der irdischen Macht – von oben nach unten
- Ma'at = die im Kosmos erkennbare Ordnung und Wahrheit. (kosmische Ordnung)
- Re = diese Ordnung bekommt eine solare, kosmisch wirksame Gestalt. (solare Verkörperung dieser Ordnung)
- Amun-Re = eine konkrete Gottheit wird mit dieser universalen solaren Ordnung verbunden. (Amun wird mit dieser Ordnung verbunden)
- Pharao/Kaiser = die irdische Herrschaft leitet daraus ihre kosmische Legitimation ab. (irdische Legitimation)
Ma'at bezeichnet die kosmische Ordnung, Wahrheit und Gerechtigkeit der Welt. Re und Ma'at sind eng miteinander verbunden: Re erhält die kosmische Ordnung; der Pharao wiederum hat die Aufgabe, Ma'at auf Erden aufrechtzuerhalten. Der Obelisk steht in der hier verwendeten Systematik für folgende Strecke:
Ma'at → Re → Sonnenstrahl/Obelisk → Herrscher
Die Verbindung von Ma'at, Re und kosmischer Herrschaftslegitimation bildet den eigentlichen Gedankengang des Modells. Ma'at bezeichnet dabei die rechte Ordnung und Wahrheit innerhalb des Kosmos; Re ist das solare Prinzip, durch das diese Ordnung erhalten und wirksam wird. Beides gehört damit zunächst zur kosmischen Ordnung.
In einer weitergehenden gnostischen Lesart stellt sich jedoch die Frage, ob eine innerhalb des Kosmos erkennbare Wahrheit auf eine transzendente Wahrheit verweisen kann, ohne mit ihr identisch zu sein. In der zuvor dargestellten gnostischen Kosmologie steht der Autogenes/Christus auf der Seite des Pleromas und des transzendenten Lichts. Ma'at und Re/Sol stehen dagegen in der hier verwendeten vergleichenden Betrachtung für kosmische Wahrheit, Ordnung und solares Licht. Eine direkte historische Verbindung zwischen Ma'at, Re und Christus wird damit nicht behauptet; ihre Gegenüberstellung ist Teil des hier entwickelten Rekonstruktionsversuchs.
Christus/Autogenes → transzendentes Licht → Pleroma
Ma'at → kosmische Wahrheit und Ordnung
Re/Sol → solares bzw. kosmisches Licht → kosmische Ordnung
Aus dieser Perspektive muss die kosmische Ordnung weder falsch noch trügerisch sein. Ma'at kann innerhalb des Kosmos für eine reale Ordnung und Wahrheit stehen, ebenso wie Re/Sol für reales solares Licht. Der gnostische Unterschied entsteht erst dort, wo diese kosmische Wirklichkeit mit der transzendenten Wirklichkeit selbst gleichgesetzt wird. Das kosmische Licht wäre dann nicht das Gegenteil des transzendenten Lichts, sondern eine Wirklichkeit auf einer anderen Ebene.
Für die politische Ebene des Modells ergibt sich daraus:
Jupiter = imperiale Herrschaft
+ Re-Prinzip = solare kosmische Legitimation
→ Sol Invictus = universalisierter kosmischer Herrschaftsanspruch, der die konkrete Person des Kaisers in eine übergeordnete kosmische Ordnung einbindet
Damit ist der Kaiser nicht mehr bloß der Herrscher Roms. Seine Herrschaft kann nun als irdischer Ausdruck einer universalen kosmischen Ordnung inszeniert werden. Herrschaft wird dadurch entpersonalisiert: Seine Position wird als Bestandteil der Weltordnung dargestellt. Wenn legitime Herrschaft als Ausdruck von Ma'at dargestellt wird, kann Widerstand gegen diese Ordnung entsprechend in Richtung Isfet gerückt werden.
Aus gnostischer Perspektive entsteht damit eine zusätzliche Frage: Was geschieht, wenn eine innerhalb des Kosmos gültige Ordnung nicht nur politisch legitimierend wirkt, sondern selbst als höchste oder absolute Ordnung verstanden wird?
An dieser Stelle tritt erneut der bereits bei Sophia beschriebene Entkopplungsmechanismus hervor. Dort bezeichnet er die Möglichkeit, dass ein Denken seine eigene Hervorbringung oder Konstruktion mit der Wirklichkeit selbst verwechselt. Auf die kosmische Ebene übertragen entsteht ein vergleichbares Muster: Eine innerhalb des Kosmos reale und gültige Ordnung wird mit der absoluten Wirklichkeit gleichgesetzt.
Der Fehler liegt damit nicht notwendig in der kosmischen Ordnung selbst. Ma'at kann innerhalb des Kosmos tatsächlich für Ordnung, Wahrheit und Gerechtigkeit stehen. Die Entkopplung entsteht erst dort, wo diese begrenzte Wirklichkeit ihren eigenen Gültigkeitsbereich überschreitet und zur höchsten Wirklichkeit erklärt wird.
Sophia → eigene Hervorbringung wird mit Wirklichkeit verwechselt
Kosmos → kosmische Ordnung wird mit absoluter Ordnung verwechselt
Re/Sol → kosmisches Licht wird mit transzendentem Licht verwechselt
Genau an dieser Stelle verläuft in der hier verwendeten Systematik die Grenze zwischen kosmischer Ordnung und transzendenter Wirklichkeit. Das innerhalb eines Systems Gültige kann real, sinnvoll und in sich schlüssig sein, ohne deshalb bereits die Wirklichkeit jenseits dieses Systems vollständig zu erfassen.
