Die gnostische Kosmologie
Die oberste, eigentliche Realität in der Gnosis ist das Pleroma (griechisch für „die Fülle“). Es bezeichnet die transzendente göttliche Wirklichkeit jenseits der materiellen Welt. In verschiedenen gnostischen Schulen wurde der Aufbau dieses Pleromas unterschiedlich beschrieben. Die folgende Darstellung orientiert sich insbesondere an der Kosmologie des Apokryphon des Johannes und verbindet sie an einigen Stellen mit der hier verwendeten gnostischen Systematik.
Am Ursprung steht der unbegreifliche und transpersonale Ur-Gott, der unsichtbare Geist oder die Monade. Er selbst ist keiner der späteren Götter und gehört keiner kosmischen Ordnung an.
Als erste Emanation aus diesem höchsten göttlichen Ursprung erscheint Barbelo. Sie wird als erster Gedanke des Ur-Gottes und als ursprüngliches göttliches Bewusstseinsprinzip beschrieben. In den gnostischen Texten trägt sie weibliche Bezeichnungen und wird unter anderem als jungfräulicher oder mütterlicher Aspekt der göttlichen Fülle dargestellt. In diesem Sinne kann Barbelo als eine Art himmlische Jungfrau verstanden werden.
Aus der Beziehung des unsichtbaren Geistes mit Barbelo geht eine weitere göttliche Hervorbringung hervor: der Autogenes, der „Selbsterzeugte“, der im Apokryphon des Johannes mit Christus verbunden wird. Dieser Christus gehört damit bereits zur transzendenten Lichtwelt des Pleromas. Er ist an dieser Stelle zunächst keine Bezeichnung für den historischen Menschen Jesus von Nazareth, sondern eine himmlische Christusgestalt innerhalb der gnostischen Emanationsordnung.
Vereinfacht ergibt sich damit:
Ur-Gott / unsichtbarer Geist → Barbelo → Autogenes / Christus → weitere Lichtwesen und Äonen des Pleromas
Innerhalb dieser Lichtwelt erscheint schließlich auch Sophia als Emanation – die göttliche Weisheit. Im gnostischen Mythos versucht Sophia, etwas eigenständig und ohne die entsprechende harmonische Verbindung innerhalb des Pleromas hervorzubringen. Aus dieser Abweichung entsteht ein unvollkommenes Wesen: der Demiurg, auch Yaldabaoth genannt.
Unwissend über das Pleroma und im Glauben, er sei der einzige Gott, erschafft der Demiurg die physische Welt und eine ihm untergeordnete Ordnung von Mächten und Herrschern. In der hier verwendeten Systematik wird diese kosmische Ordnung mit der Hebdomas, der Siebenheit der Planetensphären, verbunden. Sie gehört zum Kenoma – der unvollkommenen, von der göttlichen Fülle getrennt erscheinenden Welt.
Der Begriff Demiurg bedeutet wörtlich „Handwerker“ oder „Baumeister“. Aus gnostischer Sicht ist dieser Schöpfer jedoch nicht der höchste Gott, sondern ein nachgeordneter und unwissender Schöpfer der materiellen Welt. In der hier verwendeten vergleichenden Systematik wird er mit dem Prinzip des greisen Gottes Kronos (Saturn) verbunden: Zeit, Begrenzung und die Gebundenheit der geschaffenen Welt.
Der Demiurg regiert nicht allein. Ihm ist eine kosmische Verwaltung weiterer Mächte zugeordnet. In der hier verwendeten planetarischen Systematik werden diese mit Zeus (Jupiter), Ares (Mars), Aphrodite (Venus), Hermes (Merkur) sowie den Regenten von Sonne und Mond verbunden. Gemeinsam mit Saturn ergeben sich die sieben klassischen Planetensphären.
Planetengötter in einem indischen Tempel
Diese sieben Mächte werden in der vorliegenden Betrachtung als Archonten („Herrscher“) verstanden. Sie repräsentieren die Herrschafts- und Ordnungsprinzipien innerhalb des Kosmos. Die sieben Planetensphären bilden dabei die Ebenen der Hebdomas, welche die irdische Welt umgeben.
| Wochen-tag | Planet / Himmelskörper | Römischer Gott | Germanischer Gott (Entsprechung) | Herleitung / Beispiel |
|---|---|---|---|---|
| Montag | Mond | Luna | Mani | Tag des Mondes (Lundi im Frz.) |
| Dienstag | Mars | Mars | Tiu / Tyr | Tag des Mars (Martedi im Ital.) / Tag des Tiu |
| Mittwoch | Merkur | Merkur | Wodan / Odin | Tag des Merkur (Mercredi im Frz.) / Tag des Wodan (Wednesday im Engl.) |
| Donners-tag | Jupiter | Jupiter | Donar / Thor | Tag des Jupiters (Giovedì im Ital.) / Tag des Donar (Thursday im Engl.) |
| Freitag | Venus | Venus | Frija / Freya | Tag der Venus (Vendredi im Frz.) / Tag der Freya |
| Samstag | Saturn | Saturn | — | Tag des Saturn (Saturday im Engl.) |
| Sonntag | Sonne | Sol | Sunna | Tag der Sonne (Sunday im Engl.) |
Die Verbindung der sieben klassischen Himmelskörper mit den Wochentagen zeigt, wie dauerhaft diese antike planetarische Ordnung kulturell weitergewirkt hat.
Über den sieben Planetensphären liegt in verschiedenen antiken und gnostischen Kosmologien die Ogdoas, die „Acht“. In der hier verwendeten Systematik bildet sie die Schwelle zwischen der planetarisch geordneten kosmischen Welt und der darüberliegenden transzendenten Wirklichkeit des Pleromas.
Damit entstehen zwei grundsätzlich verschiedene Ebenen:
Pleroma → Ur-Gott → Barbelo → Christus/Autogenes → göttliche Lichtwelt
Kenoma → Demiurg → Archonten → planetarische und materielle Welt
Christus erhält innerhalb dieser Kosmologie damit eine besondere Bedeutung: Während der Demiurg und die Archonten zur geschaffenen kosmischen Ordnung gehören, stammt der Autogenes/Christus aus der transzendenten Ordnung des Pleromas. Welche Beziehung dieser himmlische Christus später zum Menschen Jesus und zur gnostischen Vorstellung von Erlösung und Erkenntnis erhält, ist eine davon zu unterscheidende Frage.
Die Weisheit (Sophia) als dynamisches Bewusstseinsprinzip
In einer metaphernfreien, strukturellen Betrachtung ist Sophia nicht als biologische Frau zu verstehen, sondern als symbolische Gestalt der Weisheit und des Erkennens.
- Sophia als Dynamik statt Person: Die Gnosis verwendet männliche und weibliche Gestalten, Zeugung und Abstammung als mythologische Bilder für Beziehungen und Prozesse innerhalb der göttlichen Wirklichkeit. Sophia verkörpert dabei Weisheit und Erkenntnis.
- Die strukturelle Interpretation: In der hier verwendeten Lesart entsteht Erkenntnis nicht durch isolierten Verstand allein, sondern durch dessen Verbindung mit Wahrheit und Wirklichkeit. Wird das erkennende Prinzip von dieser Grundlage entkoppelt und versucht, ausschließlich aus sich selbst heraus Wirklichkeit hervorzubringen, entstehen Trugbilder.
- Der Entkopplungsmechanismus: Der Sophia-Mythos lässt sich damit als Bild für einen grundlegenden erkenntnistheoretischen Vorgang lesen: Ein Denken, das seine eigene Konstruktion mit der Wirklichkeit verwechselt, kann ein in sich geschlossenes und scheinbar schlüssiges Weltbild hervorbringen, obwohl dessen Ausgangspunkt bereits von der Wahrheit entkoppelt ist.
Der Mythos beschreibt in dieser strukturellen Lesart somit nicht einfach das Fehlverhalten einer weiblichen Gottheit. Er stellt die Frage, was geschieht, wenn Erkenntnis sich von der Wirklichkeit entkoppelt und ihre eigenen Hervorbringungen für die Wirklichkeit selbst hält.
Die Gemini argumentiert
Frage nach der gnostischen Kosmologie und den Zusammenhängen der Begriffe Pleroma, Ogdoas und Hebdomas:
Das Pleroma, die Sphären der Gefangenschaft und der Ursprung des Demiurgen
Das Weltbild der Gnostiker bricht radikal mit den traditionellen kosmologischen und religiösen Vorstellungen der Antike. Wo die klassische Philosophie und die orthodoxe Religion eine wohlwollende Ordnung und einen weisen Schöpfergott sahen, erblickt die Gnosis ein künstliches Gefängnis, das durch eine fehlerhafte Schöpfung entstand. Um den Weg zur spirituellen Befreiung zu verstehen, muss die Struktur dieses Kosmos von der höchsten göttlichen Quelle bis hinab zur materiellen Welt analysiert werden.
1. Das Pleroma: Die göttliche Fülle
Am Anfang und über allem steht das Pleroma (griechisch für „die Fülle“). Es bezeichnet die rein geistige, transzendente Welt des wahren, unbekannten und unaussprechlichen Gottes. Das Pleroma ist kein physischer Ort, sondern eine Dimension des reinen Lichts, der Harmonie und des absoluten Seins, jenseits des materiellen Universums. Es wird von den sogenannten Äonen bewohnt – göttlichen Emanationen und Wesenheiten, die paarweise (Syzygien) auftreten und kosmische Prinzipien wie Geist, Wahrheit, Leben und Weisheit (Sophia) verkörpern.
2. Der Sündenfall im Pleroma: Die Herkunft des Demiurgen
Der Ursprung des materiellen Universums und seines unvollkommenen Schöpfers liegt in einer Krise innerhalb des Pleromas selbst. Das jüngste Äon, Sophia (die Weisheit), verspürte das intensive Verlangen, den Urvater aller Dinge direkt zu erkennen, ohne die Vermittlung ihres männlichen Gegenpols. Dieser Akt des Alleingangs führte zu einer Störung der göttlichen Harmonie.
Aus diesem unkoordinierten Verlangen brachte Sophia eine missgestaltete, unwissende Wesenheit hervor: Yaldabaoth, auch bekannt als der Demiurg. Erschrocken über ihre eigene unvollkommene Schöpfung, stieß Sophia diese Wesenheit aus dem Pleroma aus und verbarg sie in einer dichten Wolke. Da Yaldabaoth die Lichtwelt des Pleromas nicht kannte, wähnte er sich in seiner Isolation allein und rief aus: „Ich bin Gott, und es gibt keinen anderen außer mir!“
3. Die Hebdomas und der Betrug der Archonten
Der Demiurg, erfüllt von Arroganz und Unwissenheit, erschuf aus der niederen Materie den physischen Kosmos sowie sieben mächtige Unterdrückerfürsten, die sogenannten Archonten (Herrscher). Diese beherrschen die sieben Planetenbahnen der sichtbaren Welt. Dieser Bereich wird als die Hebdomas (die Siebenheit) bezeichnet.
Die planetarische Hierarchie: Archont = Planetengott
In der gnostischen Kosmologie herrscht eine klare Gleichsetzung vor: Die altbekannten Götter des antiken Pantheons, die mit den wandelnden Himmelskörpern verbunden sind, sind in Wahrheit die Archonten. Sie sind die Wächter der kosmischen Gefängnismauern:
- Der höchste Planet (Saturn): Zugeordnet dem ältesten Gott Kronos (Saturn), oft direkt mit dem Demiurgen Yaldabaoth gleichgesetzt. Er repräsentiert die strengste Einschränkung und die Zeit.
- Die übrigen Planeten: Regiert von untergeordneten Archonten wie Jupiter (Zeus), Mars (Ares), Venus (Aphrodite), Merkur (Hermes), der Sonne und dem Mond.
Der entscheidende Unterschied zur traditionellen Religion liegt im kosmischen Betrug: Während die Menschen opferten und diese Planetengötter als wohlwollende Schöpfer verehrten, erkannten die Gnostiker sie als ignorante, eifersüchtige Kerkerwärter. Ihre Aufgabe ist es, den göttlichen Funken – die Seele, die unbewusst aus dem Pleroma in den Menschen herabgefallen ist – durch kosmische Gesetze, Schicksalszwang (Heimarmene) und moralische Täuschung in der Materie gefangen zu halten.
4. Die Ogdoas: Die Schwelle zur Freiheit
Direkt oberhalb der sieben Planetensphären (Hebdomas) befindet sich die Sphäre des Fixsternenhimmels, die Ogdoas (die Achtheit). In der gnostischen Sichtweise hat der Sternenhimmel eine doppelte Bedeutung:
Einerseits bildet die Ogdoas die äußerste Grenze des materiellen Kosmos und damit die oberste Barriere, die von den Archonten bewacht wird. Andererseits gilt sie als der Ort, an den sich Sophia nach ihrem Sturz zurückzog, um Buße zu tun und auf die endgültige Erlösung zu warten. Für die aufsteigende Menschenseele stellt die Ogdoas somit den Vorhof zum Pleroma dar. Sie ist die entscheidende Schwelle, an der sich die Seele aus dem Schicksalsnetz der Planetenmächte löst und die wahre Freiheit jenseits der Sterne erblickt.
| Kosmische Ebene | Bezeichnung / Sphäre | Bedeutung im gnostischen Weltbild |
|---|---|---|
| Überkosmisch | Das Pleroma (Die Fülle) | Die wahre, geistige Heimat des Lichts und der Äonen; jenseits aller Materie. |
| Die Schwelle | Die Ogdoas (Die Achtheit) | Der Fixsternenhimmel; Aufenthaltsort der Sophia und Tor zur transzendenten Welt. |
| Der Kosmos | Die Hebdomas (Die Siebenheit) | Die 7 Planetensphären, beherrscht von den Archonten (den antiken Planetengöttern). |
| Das Zentrum | Die materielle Erde | Der tiefste Punkt der Schöpfung; Ort der Illusion und der Gefangenschaft des Lichtfunkens. |
