Die verschiedenen Götterdynastien - oder gibt es doch nur eine einzige?

Während die Verbindung zwischen griechischen und römischen Göttern fast eins zu eins ist (weil die Römer die griechische Mythologie bewusst adoptiert und umbenannt haben), gibt es beim Vergleich mit germanischen und südamerikanischen (z. B. Inka- oder Maya-) Göttern viele Parallelen.

Hier ist ein direkter Vergleich, wie diese Parallelen aussehen:

Der Göttervater / Schöpfergott

  • Germanisch: Odin (Wodan) – Gott der Weisheit, des Krieges und der Magie.
  • Südamerikanisch (Inka): Viracocha – Der Schöpfergott aus dem Titicacasee.
  • Griechisch: Zeus
    Der Herrscher des Olymps, Gott des Himmels und des Gesetzes. Er setzte sich in einem Generationenkonflikt gegen die Titanen durch und begründete die kosmische Ordnung.
  • Römisch: Jupiter (Iuppiter)
    Das römische Äquivalent zu Zeus. Bei den Römern stand er noch stärker als Zeus für den Staat, das Recht und die politische Macht des Imperiums.

Der Donner- und Wettergott
(Hinweis: In der griechisch-römischen Welt waren Göttervater und Donnergott praktischerweise in Personalunion vereint.)

  • Germanisch: Thor (Donar) – Der Beschützer mit dem Hammer Mjölnir.
  • Südamerikanisch (Inka/Maya): Illapa / Chaac – Die regen- und donnerbringenden Götter mit Keule oder Axt.
  • Griechisch: Zeus (Keraunios)
    In seiner Rolle als Wettergott schleudert er die von den Zyklopen geschmiedeten Blitze, um Feinde und Ungehorsame zu strafen.
  • Römisch: Jupiter Tonans
    Der „donnernde Jupiter“. Die Römer weihten ihm sogar spezielle Tempel an Orten, an denen ein Blitz eingeschlagen war, da dies als direktes Zeichen des Gottes galt.

Die Fruchtbarkeits- und Erdgöttin

  • Germanisch: Freyja / Frigg – Göttinnen der Liebe, Ehe und Fruchtbarkeit.
  • Südamerikanisch (Inka): Pachamama – Die personifizierte Mutter Erde.
  • Griechisch: Demeter
    Die Göttin der Fruchtbarkeit der Erde, des Getreides und der Saat. Wenn sie um ihre Tochter Persephone trauerte, herrschte auf der Erde Winter – ein klassischer Mythos zur Erklärung der Jahreszeiten.
  • Römisch: Ceres
    Die römische Entsprechung zu Demeter. Von ihrem Namen leitet sich übrigens unser heutiges Wort „Cerealien“ (Getreideflocken) ab.

Der Gott des Todes und der Unterwelt

  • Germanisch: Hel – Die Herrscherin über das friedliche Totenreich Helheim.
  • Südamerikanisch (Inka): Supay – Der Herrscher über das Uku Pacha (die Unterwelt).
  • Griechisch: Hades
    Der Gott der Unterwelt und Herrscher über die Schatten der Verstorbenen. Anders als der christliche Teufel war er nicht böse, sondern ein strenger, unerbittlicher Verwalter der Totenordnung.
  • Römisch: Pluto
    Der römische Herrscher der Unterwelt. Die Römer betonten bei ihm stark den Aspekt des Reichtums (Plouton = der Reiche), da alle Schätze der Erde (Gold, Silber, Edelsteine) in seinem unterirdischen Reich lagen.

Die Himmelsgötter der Inka als Planetengötter

Die Inka in den Anden hatten ein etwas harmonischeres Himmelsbild als die Maya. Ihre Götter bildeten eher eine göttliche Familie, deren irdische Nachkommen die Herrscher (die Sapa Inka) waren.

  • Die Sonne (Inti): Inti war der absolute Hauptgott des Inka-Reiches, der Spender von Licht, Wärme und Leben. Der Herrscher der Inka galt als direkter Sohn von Inti und war somit göttlich. Überall im Reich wurden Sonnentempel gebaut. Das Gold der Inka galt nicht als wertvolles Zahlungsmittel, sondern als „Schweiß der Sonne“ und wurde rein rituell verwendet.
  • Der Mond (Mama Killa): Sie war die Schwester und Ehefrau des Sonnengottes Inti. Sie galt als die Muttergottheit, die den Kalender der Feste und den Menstruationszyklus steuerte. Silber wurde von den Inka als „Tränen des Mondes“ bezeichnet. Eine Mondfinsternis war für die Inka ein schreckliches Ereignis – sie glaubten, ein riesiger Himmels-Puma oder eine Schlange würde Mama Killa angreifen. Um das Tier zu vertreiben, machten sie enormen Lärm und ließen Hunde heulen.
  • Die Venus (Ch'aska): Die Venus war bei den Inka ebenfalls sehr wichtig, hatte aber eine sanftere Rolle als bei den Maya. Ch'aska (was "Die Haarige" oder "Die Leuchtende" bedeutet, in Anspielung auf ihre Strahlen) war der Morgen- und Abendstern. Sie galt als die treue Dienerin der Sonne (da sie morgens vor ihr aufging) und des Mondes (da sie abends in der Nähe des Mondes leuchtete). Ch'aska war die Schutzgöttin der Jungfrauen, der Blumen und der Jugend.

Hier spricht man in der Religionswissenschaft von Archetypen oder funktionalen Äquivalenten. Die Kulturen hatten teilweise keinen direkten Kontakt, aber da alle Menschen mit denselben Ur-Phänomenen (Sonne, Donner, Tod, Fruchtbarkeit) konfrontiert waren, ähneln sich die Rollen ihrer Götter verblüffend. 

Alternativ gibt es dann noch die Möglichkeit, dass ein und dieselbe Dynastie von Göttern an verschiedenen Orten unterschiedliche Namen bekommen hat.