Der Pfarrer Bérenger Saunière
Am 1. Juni 1885 übernahm der Pfarrer Bérenger Saunière das Pfarramt in Rennes-le-Château, einem kleinen Bergdorf, etwa 40 km entfernt von Carcassonne in Richtung Pyrenäen.
Die Pfarrei war sehr arm und sein Gehalt sehr gering. Der Pfarrer der Nachbarpfarrei, Henri Boudet, ermutigte Saunière, seine verfallende, 1095 geweihte Kirche restaurieren zu lassen. Saunière lieh sich von seiner Gemeinde eine bescheidene Summe und ließ erste Arbeiten vornehmen. Bei diesen wurde der dem sechsten Jahrhundert entstammende westgotische Altar näher untersucht. Als die Platte entfernt wurde, entdeckte man in einem der Träger einen Hohlraum, welcher vier versiegelte Holzzylinder barg, wovon jeder ein Pergament enthielt. Eines stammte von den Templern aus dem Jahre 1244, das andere aus dem Jahre 1644 und die beiden letzten aus den Jahren um 1780. Auch wurde später eine mehrere Skelette enthaltende, sehr alte Krypta in der Kirche gefunden.
Saunière fuhr mit den Pergamenten nach Paris, traf sich mit hohen kirchlichen Würdeträgern und anderen einflussreichen Personen. Er entschlüsselte den Inhalt der Pergamente und als er zurückkam, verfügte er plötzlich über sehr viel Geld. So ließ er sein Dorf an die Kanalisation anschließen und eine neue Straße zum Dorf hinauf bauen. Auch ließ er sich die Villa Bethania sowie die Tour Magdala (eine Art Burg) errichten.
Das Geheimnis selbst gab er jedoch nie preis. Er sagte nur, dass dort das größte Geheimnis der (christlichen) Menschheit zu finden wäre, ein furchtbares Geheimnis.
Am 22. Januar 1917 starb Saunière dann an den Folgen eines Herzinfarktes. An sein Sterbelager trat der Priester eines Nachbardorfes, welcher angeblich das Krankenzimmer erschüttert verlassen und sein Lebtag nicht mehr gelächelt hat. Als gesichert gilt, dass Saunière das Sakrament der Letzten Ölung verweigert wurde. Eigenartig waren auch die Vorgänge am Tag nach Saunières Tod. Man hüllte die Leiche in eine mit scharlachroten Troddeln besetzte Robe und bahrte sie in einem Lehnstuhl sitzend auf der Terrasse der Tour Magdala, der Burg, auf. Daran vorbei prozessierten dann die Trauergäste. Unter ihnen befanden sich neben vielen hohen Persönlichkeiten auch mehrere Fremde. Einige Trauergäste rupften Troddeln von der Robe des Verstorbenen und nahmen diese mit.
Was hat der Abbé Saunière nun wirklich gefunden? Den Schatz der Templer? Der Westgoten? Gar die Bundeslade oder den heiligen Gral? Oder ist das Geheimnis nicht materieller sondern geistiger Natur? Befinden sich in der Krypta die sterblichen Überreste Maria Magdalenas und ihrer Tochter Sarah, mit eindeutigem Bezug zum ägyptischen Isis-Kult? Hat er vielleicht seine Haushälterin Marie Dénarnaud in das Geheimnis eingeweiht, und war diese seine geheime Nachfolgerin? Liegt eventuell sogar Jesus selbst in der Gegend bestattet, nachdem er die Kreuzigung überlebt hatte? Oder berichten gar die sumerischen Keilschriften die Wahrheit über den Ursprung der Menschheit? Spekulationen über Spekulationen – noch hat der Abbé sein Geheimnis nicht preisgegeben...
Das Geheimnis
Betrachtet man die Symbolik der Kirche von Rennes-le-Château, so fallen mehrere ungewöhnliche Elemente auf.
Bereits am Eingang befindet sich die Figur des Dämons Asmodeus, welcher das Weihwasserbecken trägt. Das Deckengewölbe ist in einem tiefen Blau mit goldenen Sternen gestaltet und vermittelt den Eindruck eines nächtlichen Sternenhimmels. Auf einer der nachträglich kolorierten Kreuzwegstationen wurde zudem ein Vollmond ergänzt, obwohl die ursprünglich unbemalten Reliefs diesen nicht zeigen. Über dem Eingang befindet sich schließlich die Inschrift „Terribilis est locus iste“ („Dieser Ort ist furchtbar“ bzw. „Ehrfurcht gebietend ist dieser Ort“).
Aus der zuvor entwickelten gnostischen Sichtweise ergibt sich hierfür eine mögliche Deutung. Die Kirche steht symbolisch für die Hebdomas, den Bereich der materiellen Welt, welcher nach gnostischem Verständnis unter der Herrschaft der Archonten steht. Vor diesem Hintergrund erhalten sowohl die Inschrift als auch die Darstellung des Asmodeus eine symbolische Bedeutung: Der Dämon befindet sich nicht außerhalb, sondern innerhalb der Kirche.
Auch andere christliche Feste lassen sich unter diesem Blickwinkel neu interpretieren. So wird etwa vertreten, dass Weihnachten zeitlich an ältere Sonnenkulte anknüpft und das Osterfest Elemente vorchristlicher Frühlings- und Fruchtbarkeitskulte übernommen hat. Auffällig ist in diesem Zusammenhang der zusätzlich dargestellte Vollmond auf der Kreuzwegstation, da der Ostertermin traditionell auf den ersten Vollmond nach der Frühlings-Tagundnachtgleiche Bezug nimmt. Die Aufnahme dieses Motivs könnte daher bewusst auf diese Verbindung hinweisen.
Im Altarbereich befindet sich außerdem ein schwarz-weißes Schachbrettmuster. In der Freimaurerei ist dieses als Musivisches Pflaster bekannt und symbolisiert die Dualität der Welt – Licht und Dunkelheit, Gut und Böse, Freude und Leid, Vernunft und Gefühl. Aus gnostischer Sicht wäre jedoch gerade die Überwindung dieser Dualität das eigentliche Ziel. Das Schachbrett erscheint daher als bewusst gesetzter Hinweis auf die Welt der Gegensätze, von der sich die Gnosis abgrenzt.
Im Chorraum ist schließlich ein Rucksack dargestellt. Im hier vertretenen gnostischen Verständnis symbolisiert er die Last oder das „Gewicht“, welches die Seele an die materielle Welt bindet und sie in die Inkarnation hineinzieht.
Nimmt man diese Symbolik als bewusst gewählt an, ergeben sich drei denkbare Möglichkeiten für das Verhalten Saunières nach der Entdeckung seines Geheimnisses:
- Er hätte sein bisheriges Leben unverändert fortführen und das Gefundene verdrängen können.
- Er hätte den Inhalt der Entdeckung öffentlich machen können – mit allen denkbaren persönlichen Konsequenzen.
- Er hätte sich entschließen können, das Geheimnis zu bewahren und sich den bestehenden Machtstrukturen anzuschließen.
Die historischen Ereignisse sprechen dafür, dass Saunière den dritten Weg gewählt haben könnte. Nach seiner Reise nach Paris verfügte er plötzlich über erhebliche finanzielle Mittel, ohne deren Herkunft jemals überzeugend zu erklären. Gleichzeitig gab er das Geheimnis, von dem er gesprochen haben soll, nie preis.
Sollte diese Deutung zutreffen, könnten die ungewöhnlichen Symbole in seiner Kirche als verschlüsselte Hinweise verstanden werden – Hinweise eines Menschen, der das Geheimnis zwar nicht offenbaren konnte oder wollte, zugleich aber Spuren hinterließ, die den aufmerksamen Betrachter zum Nachdenken anregen sollten.
