Der Humanismus
Schauen wir uns das Weltbild des Humanismus zunächst etwas näher an:
Rousseau entwickelt insbesondere im Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen (1755) das Gedankenexperiment des Naturzustands.
Seine Kernaussage ist:
- Ein ursprünglich allein lebender Mensch hat keinen Grund zu lügen.
- Er hat keinen Grund zu stehlen, weil es kein Eigentum anderer gibt.
- Er hat keinen Grund zu betrügen oder Macht über andere auszuüben.
Rousseau schreibt sinngemäß: Viele Laster entstehen erst durch das Zusammenleben in einer Gesellschaft – insbesondere durch Eigentum, Konkurrenz, Eitelkeit und den Wunsch nach Anerkennung.
Der Fehler dieses Denkens aber ist?
Wenn ein Mensch wirklich völlig allein auf einer Insel lebt, dann sind viele moralische Begriffe schlicht nicht anwendbar:
- Er kann niemanden belügen.
- Er kann niemanden bestehlen.
- Er kann niemanden betrügen.
- Er kann niemanden ermorden.
Nicht deshalb, weil er besonders tugendhaft ist, sondern weil es keine anderen Menschen gibt, gegenüber denen diese Handlungen möglich wären. In der Philosophie würde man sagen: Diese moralischen Kategorien setzen soziale Beziehungen voraus.
Rousseau vertritt im Kern die These:
Der Mensch ist von Natur aus weder böse noch lasterhaft. Die meisten moralischen Verfehlungen entstehen durch die Entwicklung der Gesellschaft.
D.h. wiederum, wenn "stark untugendhaft" lebt, dann ist er eigentlich gar nicht selber daran schuld sondern die Gesellschaft. Und das wiederum führt zu einer Umkehr der Täter-Opfer-Struktur. Schlimmer noch: je untugendhafter sich jemand verhält, desto ärmer ist er, desto mehr ist die Gesellschaft schuld: und da wären wir wieder beim Wokismius und seiner Hierarchie der Diskriminierten: letzteren wird immer gerne die "Unschuld" zugeschrieben und andere Gruppen der Gesellschaft (welche diese noch am Laufen halten) tragen dann die Generalschuld.
Anmerkung: damit soll wiederum nicht ausgesagt werden, dass gesellschaftliche Einflüsse keine Auswirkungen auf das Verhalten eines Menschens haben - ganz im Gegenteil.
